Antiker Mittelmeerhafen aufgetaucht
Narbonne [ENA] Kurz hinter Gruissan, am Weg zum nahen Chateau "Le Bel Eveque" des berühmten französischen Schauspielers Pierre Richard, umgeben von Weinbergen, Meerwasser und dem Felsmassiv des La Clape, haben französische Archäologen begonnen, den seit über tausend Jahren in Vergessenheit geratenen, versandeten, größten Mittelmeerhafen der Römer außerhalb Italiens wieder freizulegen.
Die französische Stadt Narbonne war in der Antike eine der bedeutendsten Städte Galliens und Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Sie galt während der Zeit des römischen Reiches, nach dem italienischen Ostia, als zweitwichtigste Hafenstadt im Mittelmeerraum. Damit wuchs sie zur bedeutendsten westlichen Handelsdrehscheibe heran und stellte den Verbindungsschnittpunkt zu den spanischen Provinzen dar. 118 v.Chr. wurde sie als erste Kolonie „Colonia Narbo Martius“ errichtet und verband Italien mit seinen spanischen Besitztümern. Die römische Pflasterstraße „Via Domitia“ durchquerte das Stadtzentrum. So entwickelte sich Narbonne zu einem berühmten kulturellen und politischen Mittelpunkt.
Bis heute sind die Strukturen des freigelegten Bauwerks und seine Funktion für den Güteraustausch nur wenig bekannt. Deshalb wurde ein zentrales Programm archäologischer Recherchen ins Leben gerufen. Es hat sich zum Ziel gesetzt, das Wissen über die Bedeutung der antiken Hafenanlagen um Narbonne zu ergründen. Finanziert wird dieses Projekt durch das Regional-Parlament Languedoc-Roussillon. Eine Gruppe von Archäologen vom CNRS (Centre national de la recherche scientifique) und der Universität von Montpellier hat im September 2010 damit begonnen, bei Gruissan auf der Insel St. Martin die Ausgrabungsstätte offen zu legen.
Am Seeufer von I´Ayrolle, mit Zugang zum Meer, hatten die Römer einen Komplex errichtet, der einen 400 m² großen Innenhof umschloss. Hier wurden die Transaktionen abgewickelt, wie sich in Zeugnissen unterirdischer Lagerräume nachweisen lässt. Die Produkte wurden hier zunächst gespeichert, bevor sie von den Händlern übernommen wurden und ins Zentrum von Narbonne weiter verschifft wurden. Einige der Händlernamen sind dank der entdeckten Inschriften auf Tontafeln bekannt. Eine der am häufigsten genannten römischen Handelsfamilien waren die „Fadii“. Ihre Spuren wurden im Süden Spaniens und auch in Rom ausfindig gemacht.
Meist findet sich ihr Name auf Amphoren, die zum Zwecke des Öltransports von Andalusien zur Versorgung der Hauptstadt des römischen Imperiums umgeladen wurden. Die Entdeckung so vieler Produkte, die den Namen dieser Familie aufweisen, lässt die Frage offen: Handelte es sich hier um den Familiensitz dieser Handelsfamilie oder war es nur ein Verwaltungsstützpunkt? Wie auch immer man sich der Antwort nähert, im 2. Jahrhundert wurden aus mehreren Mitgliedern der „Fadii“-Familie wohlhabende und einflussreiche Bürger, die zu den bedeutendsten städtischen Verwaltungsmitgliedern der Hauptstadt Narbonne Zugang hatten.
Auf dem ausgedehnten Areal fanden sich alle nötigen Einrichtungen für den Komfort der Händler. Über zwei mit farbiger Freskenmalerei geschmückten Thermaleinrichtungen konnte eine Boden- und Wandheizung betrieben werden. Die wichtigste Entdeckung ist die eines monumentalen zentralen Baublocks, der mittels enorm großer Kalkquader von 1m Länge errichte wurde. Welche Bedeutung lag in dem Monument, das Erinnerung wachruft an die Tempelanlagen in großen Städten? Zu dieser Frage haben die Archäologen in diesem Jahr erste Antworten gefunden. Die Vermutung liegt nahe, dass ein Großteil als Tempelanlage gedient hatte.
Nach dem Zerfall des Römischen Reiches wurde diese Stätte noch über mehrere Jahrhunderte bewohnt. So finden sich besondere Hauskonstruktionen aus ungebrannten Ziegelsteinen, die auf das Zeitalter nach der Antike, hin zum Mittelalter verweisen. Man durchforstet die Lagerstrukturen für Getreide und Lebensmittel genauso wie die Orte, wo die Abfälle gesammelt wurden. Große Mengen von Muschelschalen finden sich gut erhalten in den Erdlöchern. An ihnen und anderen erhaltenen Essensresten lassen sich die Lebensumstände der Einwohner dieser Epoche besser kennen lernen.
Parallel zu diesen Ausgrabungen läuft wenige Kilometer nördlich, zwischen der Ostseite des „Etang de Bages“ und dem heutigen „Canal de Robine“ ein Projekt, das den Umschlagplatz auf kleinere Versorgungsboote wieder zutage fördert. Wie Luftaufnahmen zeigen, ist dort von der Römerzeit bis zum Mittelalter der Fluss Aude schiffbar gewesen. Erst nach den Verlandungen und der Änderung des Flusslaufs nach Osten, musste diese Meeresverbindung aufgegeben werden. Diese Ausgrabungen sind sehr arbeitsintensiv und schwer zugänglich, da in der schützenswerten, ökologisch bedeutsamen Verlandungszone des Meeres nur wenig fester Boden vorhanden ist und die Probleme mit dem Grundwasser des Meeres stets wieder offen zutage treten.




















































